Press Enter to Search

Wikipedia: Journalismus der Vielen

c
Dezember 23rd, 2012
Autorennetzwerke auf Wikipedia (Quelle:  Brian Keegan)

Autorennetzwerke auf Wikipedia (Quelle: Brian Keegan)

Wikipedia ist für viele Journalisten eine Art Fakten-Backup. Passiert irgendwo etwas auf der Welt, holt man sich dort fix den Hintergrund aus dem Onlinelexikon.

Dass sich dort bei wichtigen Ereignissen, Katastrophen und Unglücksfällen mittlerweile auch eine neue Art von Journalismus entfaltet, bleibt meist im Verborgenen. Die Inhalte sind ja da – über die Entstehung muss man sich nicht groß Gedanken machen.

Doch quasi mit der Sekunde Null eines Ereignisses wie dem Amoklauf von Newtown, entstehen in der Wikipedia neue Inhalte, die mehr den Charakter einer nachrichtlichen Berichterstattung haben als den eines klassischen Lexikon-Eintrages. Denn zeitgleich zum Entstehen der Inhalte entwickelt sich das Ereignis fortlaufend weiter und in der gleichen Frequenz wird auch der Eintrag fortgeschrieben. Es findet eine dynamische Inhalteerstellung zu einem dynamischen Ereignis statt.

Viele Autoren am Werk

Dabei sind es nicht nur einzelne Autoren, die recherchieren und/oder Informationen aufbereiten, gerade in der ersten Zeit gleich nach dem Ereignis, steigen viele Bearbeiter auf Wikipedia gleichzeitig in die Berichterstattung ein. Erst später bildet sich ein Cluster von Autoren, die die Bearbeitung übernehmen und über einen längeren Zeitraum fortschreiben.

Brian Keegan, Doktorand an der Northeastern University in Boston hat untersucht, wie bei „Breaking News Ereignissen“ dort Inhalte entstehen. Er schreibt: Wikipedia-Einträge selbst sind es nicht, die als erstes die Nachricht von einem solchen Ereignis liefern. Doch zwei bis drei Stunden nach dem Ereignis entstehen die ersten Texte. Diese ziehen dann schnell viele weitere Autoren an und es kommt zu einer großen Zahl Bearbeitungen“.

Beim sog. „Virginia Tech massacre“ 2007 gab es 5025 Bearbeitungen von hunderten Autoren innerhalb der ersten 48 Stunden. Bei anderen Attentaten, wie jetzt in Newtwon, ließe sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Dabei ändert sich der Charakter der Darstellung im Verlaufe der Zeit. Die ersten Einträge beschäftigten sich noch mit den Reaktionen auf das Ereignis, danach würden mehr und mehr Hintergrundinformationen zusammengetragen. Nach und nach würde auch die Zahl der verschiedenen Bearbeiter zurückgehen und wenige Autoren würden ein Art Chef-vom-Dienst-Funktion übernehmen.

Es stellt sich heraus, so Keegan, dass in den von ihm untersuchten Fällen die Einträge allesamt von Autoren maßgeblich gestaltet werden, die noch nie zuvor zu einem solchen Ereignis Wikipedia-Einträge verfasst hätten. Und er stellt fest: „In other words, some of the earliest and most widely read information about breaking news events is written by people with fewer journalistic qualifications than Medill freshmen. “

Für Mathew Ingram von Gigaom, beschert uns diese Arbeitsweise einen Ausblick in die Zukunft des Journalismus. Denn so, wie sich auf Wikipedia die Produktionen eines Textes quasi selbst organisiert könnten auch Redaktionen dazu übergehen, ihre festen Strukturen aufzulösen und die Nutzer zu beteiligen. Und er fragt: “Could they (die großen Nachrichtenorganisationen) turn a breaking news page into the equivalent of a Wikipedia article, and if not, why not?”

—-

4 Comments

Post Comment