Design Thinking Process (Quelle: http://dschool.stanford.edu)
Design Thinking Process (Quelle: http://dschool.stanford.edu)

Jetzt erobert Design Thinking also auch den Journalismus: Redaktionen werden mit bunten Post-It’s und neuen Ideen zugeklebt als gebe es kein Morgen, alle Mitarbeiter sind offen und emphatisch, die Redaktion arbeitet reaktionsschnell und kreativ.

Stoppp: Journalismus war lange vor Design Thinking da – Journalismus ist Design Thinking oder sollte es sein, wir nannten es nur nicht so und wir haben uns schleichend davon verabschiedet.

Nach der Definition der Standford Design School bedeutet Design Thinking:

The Design Thinking process first defines the problem and then implements the solutions, always with the needs of the user demographic at the core of concept development.  This process focuses on needfinding, understanding, creating, thinking, and doing.  At the core of this process is a bias towards action and creation: by creating and testing something, you can continue to learn and improve upon your initial ideas.

Kurz gesagt geht es darum, nicht für alles sofort eine Lösung parat zu haben und unvoreingenommen an Probleme / Themen heranzugehen, Dinge auszuprobieren. All das also, was Journalisten sowieso können und beherzigen sollten. Man könnte Design Thinking für Journalisten also auch mit: Neugierde, Unvoreingenommenheit und Empathie beschreiben.

Alles besser wissen

In manchen Redaktionen ist das leider anders: Leitende (Chef-) Redakteure wissen immer alles (besser); und was die Nutzer lesen, sehen oder hören wollen sowieso. Das ist gelebte Praxis und eine Führungskraft in der Redaktion gilt immer noch als stark, wenn er/sie seine/ihre Linie durchsetzt.

Beim gestrigen Hacks/Hackers-Abend bei ZEIT Online in Berlin erklärte Tran Ha von der Stanford d.school, wie es in Redaktionen auch anders laufen kann und wie sich mit einer anderen Herangehensweise neue Themen und neue Nutzergruppen erschließen und wie sich Innovationsprojekte umsetzen lassen.

„Die Nutzerschaft digitaler Medien ist fragmentiert und dynamisch, wir können nicht mehr erwarten, dass die Nutzer zu uns kommen, wir müssen sie dort erreichen, wo sie sich aufhalten“, sagte Tran. Die Analyse von Nutzerdaten helfe da nicht unbedingt weiter. Diese Daten zeigten uns nur, was wie häufig genutzt werde, aber über das warum ließen sich keine Aussagen ableiten. Ebenso sehe das mit klassischer Marktforschung aus, die sich am Ende an einem durchschnittlichen Nutzer orientiere.

„To come up with a strategy for audience development you have to know the What (analytics) and the Why (empathy).“

Es gelte, eine Beziehung zu den Nutzern herzustellen, die über standardisierte Umfragen hinausgeht. Ihre Methode: Emphatische Einzelinterviews, die helfen können, die konkreten Bedürfnisse der Nutzer herauszufinden. So ließen sich Lösungswege und neue Ideen für Produkte und Inhalte finden.

ZEIT ONLINE ist genau diesen Weg in der Vorbereitung des aktuellen Relaunch gegangen, erklärte anschließend Martin Kotynek, der stellvertretende Chefredakteur. Eine Serie von Einzelinterviews verbunden mit einem offenen Entwicklungsansatz habe schließlich zu neuen Formaten für das Storytelling in einer mobilen Umgebung geführt, namentlich die Live-Dossiers und die Karten-Stapel, Geschichten die sich auf dem Handy oder Tablet leicht durch wischen durchblättern lassen.