Es sieht fast aus, als hätte Hannelore Kraft zu viel BibisBeautyPalace oder daaruum geschaut. Die Ministerpräsidentin von NRW jedenfalls steigt direkt in die Fußstapfen dieser weiblichen YouTube-Stars und veröffentlicht nun auf ihrem neuen YouTube-Kanal ebenfalls blitzsaubere follow-me-around Videos.

Sie bringt damit den Zuschauern sehr hautnah ihren beruflichen Alltag auf den Screen. Hautnah deshalb, weil die Kamera (das Handy) selten mehr als eine Armlänge von ihrem Gesicht entfernt ist und sie sogar einige Szenen selbst dreht – auch das ist bei den bekannten YouTuberinnen nicht anders. Perfektes Licht und optimale Kameraposition und Maske, das war gestern. Im Gegenteil: Kraft kommt noch ungeschminkter rüber als die meisten YouTuberinnen von heute.

Ihre Videos eignen sich perfekt für YouTube, könnten aber auch in die Kabel 1 Serie „Die härtesten Jobs der Welt“ passen – wenn junge Wählerinnen und Wähler die angestrebte Zielgruppe sein sollten, werden die sich sicher wundern, was für ein anstrengender Job ihre Landesmutter hat und den Berufswunsch Politikerin sicher fortan bei ihren Überlegungen ausklammern: Frühmorgens der erste Dreh im fahrenden Auto. Frau Kraft gibt ihre Tagesplanung bekannt: „Kurz nach Acht, jetzt geht’s nach Düsseldorf“, und dann folgt das Tagesprogramm: strategische Besprechungen mit den Genossen, Landtag, dort aktuelle Stunde, Rede („habe ich noch mal drübbergelesen, werde ich wahrscheinlich aber so nicht halten“).

Ab nach Berlin (Dreh aus dem parkenden Flugzeug, das wegen Plattfuß noch nicht starten kann) dort in die Landesvertretung NRW und Abstimmungsrunde zur Vorbereitung des Bundesrates auf der SPD-Seite, später Landesvertretung Bremen, „eben noch mit ner witzigen Rede mein „Kohlköniginnendasein“ beendet. Dann Kanzleramt, Asylpaket 2 im Kanzleramt abstimmen. Dabei: Gang mit der Kamera durch die heiligen Hallen des Kanzleramtes schräg von unten gedreht. „Die riesigen Hallen hier haben schon eine etwas einschüchternde Wirkung“, sagt die Ministerpräsidentin.

Das dürfte das erste Mal überhaupt sein, dass so unkontrolliert Bewegtbilder aus dem Kanzleramt nach draußen dringen. Ich bin gespannt, wie lange sie diesen direkten Stil durchhalten kann (darf?) und wann die ersten Pressereferenten wach werden, denen das nicht gefallen kann.

Zwischendurch fügt sie immer wieder kurze politische Einschätzungen ein, etwa zur aktuellen Stunde im NRW-Landtag oder zur Asylpolitik. Die politischen Beobachter dürften von dieser Art der Selfie-Berichterstattung überfordert sein: „muss ich mir das jetzt auch noch alles anschauen?“ Wer aber wirklich am Alltag von Spitzenpolitikern interessiert ist, wird das Format feiern: Denn ungefilterter hat noch nie ein deutscher Politiker und Inhaber eines wichtigen politischen Amtes berichtet.

„Es ist jetzt 23:40 h, wir sind jetzt mit der Runde der Kanzlerin fertig“, meldet sich Kraft ein letztes Mal aus Berlin. Eigentlich wollte sie noch zum runden Geburtstag des Außenministers, geht aber jetzt doch lieber ins Bett. Und irgendjemand muss das Material dann ja auch noch sichten, schneiden und hochladen (hoffentlich nicht sie selbst ;-).

Das Projekt sieht aus wie von „Null auf Hundert in nullkommanix auf Teufel komm raus“. Denn formal erfüllt der Kanal noch nicht die YouTube-Standards: Videobeschreibungen fehlen ebenso wie eine vernünftige Kanalbeschreibung und weitere Elemente. Es scheint, als hätte die Ministerpräsidentin in ihrer zupackenden Art das Projekt an sich genommen und gesagt: Ich mach das jetzt, lasst mich doch mit eurem Heckmeck in Ruhe. Sie hat sich ein Stück Debatten- und Sprachhoheit zurückerobert – sie stellt sich damit auch über die Stichwortgeber aus den Talkshows und macht einfach ihr eigenes TV: Ungefiltert und direkt. Gut so, hoffentlich bleibt sie dabei.