Filmausschnitt MyEscape (Quelle: Deutsche Welle)

Manchmal reibt man sich verwundert die Augen – sie können es doch noch, die öffentlich-rechtlichen Sender: Großes und wichtiges Fernsehen machen. Fast hatte man die “Anstalten” schon aus der persönlichen Relevanzskala entfernt: Zu belanglos und altbacken die Dokumentationen, zu beliebig und langweilig das Serienprogramm, doch plötzlich trifft man (eher durch eine Laune des Facebook-Algorithmus als mit Absicht) auf die Doku: #MyEscape.

Der Film ist “eine Montage aus (Handy-)Videos von Flüchtlingen, die ihre lebensgefährliche Flucht nach Deutschland selbst kommentieren”, heißt es in der Ankündigung. Das hört sich zunächst auch nicht sehr vielsprechend an und lässt eher eine weitere Abfolge von wahllos zusammengesuchten Videos mit “Quelle Internet” erwarten. Doch das ist es nicht.

MyEscape ist Fernsehen in einer neuen Dimension (und wird sicher Preise gewinnen). Denn erstmals werden (jedenfalls nach meiner Kenntnis) “Quelle Internet”, Bürgerjournalismus und redaktionelle Kompetenz zu einer neuen Form kombiniert und das bei einem Thema, welches derzeit auf Platz 1 der politischen und gesellschaftlichen Agenda steht.

Dimensionen der klassischen Reportage gesprengt

Doch was sprengt die Dimensionen der klassischen TV-Reportage: MyEscape ist eine Selbstbeobachtung der Protagonisten, Reportage, kuratierte Collage und klassische Doku in einem, entstanden innerhalb von sechs Wochen, wie WDR-Redakteurin Jutta Krug in der SZ berichtet. Auf eine für mich geniale Weise ist es hier gelungen, den Konflikt zwischen Authentizität von User Generated Content und Wunsch nach einordnender (faktentreuer) Berichterstattung zu lösen. MyEscape entspricht den neuen Sehgewohnheiten im Netz und der Haltung vieler User dort, die dem Augenzeugenvideo mehr vertrauen als dem Bericht des Reporters und hat somit auch das Zeug, den Vorwurf der Lügenpresse zu entkräften (bzw. ihn gar nicht erst auf sich zu ziehen).

Dennoch entsteht eine Erzählung wie bei einer klassischen Doku und nicht etwa ein unzusammenhängender und dekontextualisierter Bilderteppich. Der Film leistet durch die Kombination der Originalaufnahmen aus den Handys der Flüchtlinge mit nachträglich gedrehten Interviewsequenzen genau die Einordnung, die der Zuschauer benötigt und liefert den Kontext, den es bei diesem Thema bedarf. Die Protagonisten erzählen selbst ihre Geschichte und der Zuschauer folgt ihnen bei ihrer Flucht.

Dabei werden eine Menge Informationen transportiert, etwa über geheime Geldsammelstellen, in denen die Flüchtlinge vor ihrer Abfahrt ihr Erspartes für die Bootsfahrt hinterlegen (“das ist gut organisiert und funktioniert wie WesternUnion, nur inoffiziell”) und wird emotional erfasst, wenn es dann wirklich auf das Schlauchboot geht und die Wellen über den Bordwand schwappen.

Ein neues Genre

Es sind Aufnahmen, wie sie ein Reporterteam in dieser Form nie hätten drehen können, allein weil sie als Beobachter immer die Situation verändern und (meist) andere Vorstellungen von ihrer eigenen Sicherheit haben (müssen). Hier ist es anders, hier ist alles direkt und unmittelbar. Ergänzende Schrifteinblendungen und Skizzen verdichten das Gesagte an den Stellen, an denen es keine Bilder gibt oder man diese nicht zeigen will, etwa wenn es darum geht, wie eine Gruppe von Flüchtlingen entführt wird. Wenn keine Lösegeld bezahlt wird, werden den Gefangenen Organe entnommen. “Es ist üblich, dass mit Organen gehandelt wird”, berichtet ein Flüchtling im Interview.

Zum Schluss landet man mit den Flüchtlingen in Deutschland: “Die Menschen waren so nett, vor allem zu den Kindern, ich habe mir nie im Leben so etwas vorgestellt”.
Entstanden ist MyEscape in Zusammenarbeit von WDR, den Berlin Producers und der Deutschen Welle, die Landeskenntnisse und sprachliche Expertise beisteuerte. Denn neben dem Kuratieren, Einordnen und Übersetzen ist die Verifikation aller Angaben die größte Herausforderung. Meine einzige Kritik: Warum zeigt die ARD den Film nicht im Ersten zur Primetime?

Links:
MyEscape als Video on Demand 
Projektseite der Deutschen Welle