Der Zeit hinterher: jungesangebotvonardundzdf

Das Jungendangebot von ARD und ZDF nimmt also nun endlich Formen an: es gibt ein Blog, juhuu! Schon seit einer gefühlten Netzewigkeit wird an dem Projekt geschraubt und gedengelt und hinter den Kulissen (politisch) gerangelt. Eigentlich mal Zeit, sich anzuschauen, was es sonst schon so auf der Welt an Ähnlichem gibt und wo ein junges Publikum (neben den üblichen Verdächtigen auf YouTube) Zerstreuung und Information findet und wo sich die Verantwortlichen hierzulande Rat und Anregung holen könnten. Denn das, was die Kollegen beim Jungendangebot erfinden wollen, nämlich den dezentralen Sender („ … damit wir unsere Zielgruppe am Ende auch wirklich erreichen, packen wir unsere Inhalte nicht nur in irgendeine Mediathek, sondern spielen sie da aus, wo die Nutzer wirklich sind. In die sozialen Netze, die Bewegtbildplattformen und sicher bald auch auf soziale Netze, von denen wir heute noch nicht mal gehört haben.“), haben andere schon erfolgreich am Start.

Al Jazeera erlaubt Remix eigener Inhalte

Buzzfeed, Huffingtonpost und Vice klammere ich jetzt mal aus (deren Erfolg dürfte inzwischen jeder wahrgenommen haben) und fange mal bei den weniger bekannten Projekten an: AJ+ z.B., dem Jugendangebot von Al Jazeera. Dort heißt es in der Selbstbeschreibung:

„AJ+ is a global news community for the connected generation. We highlight human struggles and achievements, empower impassioned voices, and challenge the status quo.“

Ja und? ein weiterer toller Claim in der an tollen Claims nicht gerade armen Zeit. Doch vorschnell zu Urteilen, wäre vorschnell, denn AJ+ und Al Jazeera setzen um, was sie versprechen, beispielsweise mit dem Projekt Palestine Remix. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich dabei um eine Remix-Plattform genauer gesagt: „A video-driven storytelling website which allows readers to mix and match content from Al Jazeera’s 30 films & produce their interpretation of the story of Palestine.“

Die Nutzer werden aufgefordert, mittels der zur Verfügung gestellten Filme, ihre eigene Version des Palästina-Konflikts zu erzählen und zu produzieren und mit anderen im Netz zu teilen. 4.349 Nutzer sind diesem Aufruf bereits gefolgt. Bei uns kaum vorstellbar, wo doch die wichtigen Inhalte der Öffentlich-Rechtlichen Sender nach kurzer Zeit aus den Mediatheken verschwinden und sich Produzenten und Sender nicht auf ein zeitgemäßes Rechtemodell einigen können. AJ handelt jedoch noch dem alten Internet-Motto: Everything is a remix und Konstantinos Antonopoulos, einer der Macher meint:

„Palestine Remix is a digital project built with repurposing traditional TV content. This proved that tailored TV content can work on digital. And that digital does not always need original content to succeed. It is a good example of how the story and its packaging were weaved together to tell a story that no other technique would have allowed us to use.“

AJ+ als junge Variante von Al Jazeera ist – wie eigentlich auch alle anderen Projekte in dieser Kategorie auch – als dezentrale Inhalteplattform konstruiert, mit einem besonderen Fokus auf Facebook, wo die Inhalte nach den dort geltenden Regeln optimiert werden.

Now This: Ein Medium ohne Heimat

Ein weiterer Kandidat, der zum Abschauen taugen könnte, ist Now This, ein Sender, der die Fremdplattformstrategie bis zum Maxium treibt, denn außer einem Platzhalter verfügt Now This über keine eigene, mit Inhalten bespielte Homepage. Now This ist damit quasi das erste heimatlose Medium unserer Zeit und muss durchs Netz umherziehen, um woanders sein Glück zu machen. Zugegeben, eine Vorstellung, an die man sich erst gewöhnen muss, die für die Verantwortlichen aber ohne Alternative ist: „Wenn mir jemand sagen kann, wofür ich eine eigene Homepage sinnvoll nutzen könnte, werden wir vielleicht eine haben, aber bisher sehe ich nicht die Notwendigkeit“, sagte Ashish Patel, Senior Vice President of social media bei Now This am vergangenen Mittwoch bei der news:rewired Konferenz in London. Hier lautet der Claim:

„EVEN THE WORD SOUNDS OLD. TODAY THE NEWS LIVES WHERE YOU LIVE.“

Das bedeutet in der Übersetzung von Now This: Spiele deine Inhalte dort aus, wo die Nutzer sind und tue das in einer, den Gesetzen der jeweiligen Plattform angemessenen Form. Mit dieser Strategie hat „der Sender“ nach aktuellen Zahlen eine monatliche Reichweite von 1 Milliarde Views an Videoabrufen quer über alle Plattformen erreicht.

Mit Upworthy, .MIC, Young Turks, Vox und anderen lässt sich die Reihe erfolgreicher oder erfolgsversprechender neuer Ansätze noch eine ganze Weile fortsetzen. Die Gemeinsamkeiten lassen sich dabei wie folgt zusammenfassen:

– durchdachte social media Strategie mit starker Präsenz auf den unterschiedlichen Plattformen / Apps als publizistische Basis
– Abschied vom Anteasern im social web, hin zur Veröffentlichung von Volltext / Vollvideo
– Produktion der Inhalte für social media Plattformen in der jeweils angemessenen Form
– neue Erzählformen
– Interaktion mit den Usern, bzw. Nutzung von user generated contend
– intensiver Einsatz von Monitoring und Analysetools und technisch unterstützter Optimierung
– vielfach Ansätze von konstruktivem Journalismus – relativ geringer Stellenwert von YouTube

#MyEscape – ein neues Genre entsteht

 Filmausschnitt MyEscape (Quelle: Deutsche Welle)

Manchmal reibt man sich verwundert die Augen – sie können es doch noch, die öffentlich-rechtlichen Sender: Großes und wichtiges Fernsehen machen. Fast hatte man die “Anstalten” schon aus der persönlichen Relevanzskala entfernt: Zu belanglos und altbacken die Dokumentationen, zu beliebig und langweilig das Serienprogramm, doch plötzlich trifft man (eher durch eine Laune des Facebook-Algorithmus als mit Absicht) auf die Doku: #MyEscape.

Der Film ist “eine Montage aus (Handy-)Videos von Flüchtlingen, die ihre lebensgefährliche Flucht nach Deutschland selbst kommentieren”, heißt es in der Ankündigung. Das hört sich zunächst auch nicht sehr vielsprechend an und lässt eher eine weitere Abfolge von wahllos zusammengesuchten Videos mit “Quelle Internet” erwarten. Doch das ist es nicht.

MyEscape ist Fernsehen in einer neuen Dimension (und wird sicher Preise gewinnen). Denn erstmals werden (jedenfalls nach meiner Kenntnis) “Quelle Internet”, Bürgerjournalismus und redaktionelle Kompetenz zu einer neuen Form kombiniert und das bei einem Thema, welches derzeit auf Platz 1 der politischen und gesellschaftlichen Agenda steht.

Dimensionen der klassischen Reportage gesprengt

Doch was sprengt die Dimensionen der klassischen TV-Reportage: MyEscape ist eine Selbstbeobachtung der Protagonisten, Reportage, kuratierte Collage und klassische Doku in einem, entstanden innerhalb von sechs Wochen, wie WDR-Redakteurin Jutta Krug in der SZ berichtet. Auf eine für mich geniale Weise ist es hier gelungen, den Konflikt zwischen Authentizität von User Generated Content und Wunsch nach einordnender (faktentreuer) Berichterstattung zu lösen. MyEscape entspricht den neuen Sehgewohnheiten im Netz und der Haltung vieler User dort, die dem Augenzeugenvideo mehr vertrauen als dem Bericht des Reporters und hat somit auch das Zeug, den Vorwurf der Lügenpresse zu entkräften (bzw. ihn gar nicht erst auf sich zu ziehen).

Dennoch entsteht eine Erzählung wie bei einer klassischen Doku und nicht etwa ein unzusammenhängender und dekontextualisierter Bilderteppich. Der Film leistet durch die Kombination der Originalaufnahmen aus den Handys der Flüchtlinge mit nachträglich gedrehten Interviewsequenzen genau die Einordnung, die der Zuschauer benötigt und liefert den Kontext, den es bei diesem Thema bedarf. Die Protagonisten erzählen selbst ihre Geschichte und der Zuschauer folgt ihnen bei ihrer Flucht.

Dabei werden eine Menge Informationen transportiert, etwa über geheime Geldsammelstellen, in denen die Flüchtlinge vor ihrer Abfahrt ihr Erspartes für die Bootsfahrt hinterlegen (“das ist gut organisiert und funktioniert wie WesternUnion, nur inoffiziell”) und wird emotional erfasst, wenn es dann wirklich auf das Schlauchboot geht und die Wellen über den Bordwand schwappen.

Ein neues Genre

Es sind Aufnahmen, wie sie ein Reporterteam in dieser Form nie hätten drehen können, allein weil sie als Beobachter immer die Situation verändern und (meist) andere Vorstellungen von ihrer eigenen Sicherheit haben (müssen). Hier ist es anders, hier ist alles direkt und unmittelbar. Ergänzende Schrifteinblendungen und Skizzen verdichten das Gesagte an den Stellen, an denen es keine Bilder gibt oder man diese nicht zeigen will, etwa wenn es darum geht, wie eine Gruppe von Flüchtlingen entführt wird. Wenn keine Lösegeld bezahlt wird, werden den Gefangenen Organe entnommen. “Es ist üblich, dass mit Organen gehandelt wird”, berichtet ein Flüchtling im Interview.

Zum Schluss landet man mit den Flüchtlingen in Deutschland: “Die Menschen waren so nett, vor allem zu den Kindern, ich habe mir nie im Leben so etwas vorgestellt”.
Entstanden ist MyEscape in Zusammenarbeit von WDR, den Berlin Producers und der Deutschen Welle, die Landeskenntnisse und sprachliche Expertise beisteuerte. Denn neben dem Kuratieren, Einordnen und Übersetzen ist die Verifikation aller Angaben die größte Herausforderung. Meine einzige Kritik: Warum zeigt die ARD den Film nicht im Ersten zur Primetime?

Links:
MyEscape als Video on Demand 
Projektseite der Deutschen Welle 

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Imitation ist kein Erfolgsrezept: Warum WDR #3sechzich gescheitert ist

„Sind enttäuscht. DANKE allen, die uns unterstützt, gelobt, kritisiert, weitergebracht haben!“
Mit einem Tweet wird beiläufig das Aus des WDR-YouTube-Projektes WDR #3sechzich kommuniziert, nachdem der Mediendienst DWDL.de darüber berichtet hatte. Das ist schade, ich hätte den Kollegen mehr Erfolg gewünscht, viel mehr Erfolg. Wie konnte es dazu kommen? Weiter lesen

Voll auf die emotionale Zwölf

besser kann man das nicht machen, besser kann man das emotionale Potential von Bewegtbild nicht zeigen. Das Video erzählt die Geschichte in nur zwei Sätzen, einem starken Soundtrack, der Rest sind Bilder.

YouTube-Hashtagkampagne zum Klimawandel: Wir sind die Guten

#OursToLose und wieder ein Hashtagkampagne aus dem Hause Google/YouTube zum Thema #ClimateChange anlässlich der UN-Klimakonferenz in Paris vom 30. November bis 11. Dezember 2015:

schon mehr als 3 Mio. Unterzeichner auf Avaaz und fast 1,4 Mio. Views in zwei Tagen.

Leider bleiben die versammelten YouTuber allesamt bei inhaltlich leeren Appellen, geben kein Vorbild oder konkrete Handlungsanweisung oder üben sich gar in vorbildlichem Energieverzicht. Die Unterschrift unter eine Petition als empfohlene Handlung an die Fans ist leider zu wenig. Damit wird das Problem nur an die Politik (zurück) delegiert. Dass auch der eigene Lebensstil (Fliegen, Autofahren, Stromverbrauch ….) mit dem Klimawandel zu tun haben könnte, wird nicht angesprochen. Für mich wird hier leider viel Potential verschenkt.

Rockin1000 und die Foo Fighters: Eine Lektion in Viral Video

Nun ist es tatsächlich passiert: Das Wunder. Die Foo Fighters haben am 03. November 2015 in Cesena gespielt. Ermöglicht hat das Konzert in dem italienischen Ort ein Gruppe von Leuten um Fabio Zaffagnini, letzterer dachte im May 2014, dass es eine gute Idee sei, wenn die Gruppe um Dave Grohl mal wieder in der Region auftritt, schließlich seien sie da seit 1997 nicht mehr gewesen. Weiter lesen

„Der Abend“ naht: Digitales Tageszeitungsprojekt des Spiegel nimmt Form an

„Der Abend“, die neue digitale Tageszeitung des Spiegel (Quelle: Screenshot http://swipe.de)
„Der Abend“, die neue digitale Tageszeitung des Spiegel (Quelle: Screenshot http://swipe.de)

Der Spiegel plant einen weiteren Ableger in Form einer digitalen Tageszeitung: Unter der Bezeichnung „Der Abend“ wird an einer kostenpflichtigen App entwickelt, die tagesaktuelle Nachrichten aus der Spiegel-Redaktion via Tablet oder Smartphone ausliefert. Nun hat das Projekt den Demo-Status verlassen und ist in die Beta-Phase gerutscht. Weiter lesen